Warum ich fremde Kinder nicht einfach anfasse

Als ich jung war, war es für mich selbstverständlich, fremde Kinder anzufassen. Zum Beispiel, wenn ein Kind Hilfe brauchte, um auf die Schaukel zu kommen und die Eltern gerade nicht zur Stelle waren oder ich schnell mit ihnen, z.B. auf Festen, ins Spielen kam. Ich habe nicht groß überlegt und oft wurde mir auch von den Eltern Dankbarkeit rückgemeldet. Heute sehe ich mein Verhalten kritisch. Heute berühre ich keine fremden Kinder oder fasse sie an. Es sei denn, die Umstände erfordern dies und ich übergehe keine Beteiligten (Kind, Eltern...) .

 

Auch wenn mich Eltern bitten, frage ich zuvor das Kind. Selbst sehr kleine Kinder können sehr deutlich zeigen, ob sie etwas wollen oder nicht. Kinder sind kein Gegenstand. Kinder sind Personen wie du und ich. Und wir würden auch nicht einfach von einer fremden Person hochgenommen und irgendwohin getragen werden wollen. 

 

Als Pflegemutter hat dieses Thema eine ganz neue Dimension für mich bekommen.  Denn wenn man ein Kind aufnimmt, dann geht es erstmal nur darum, Bindung aufzubauen. Viele Pflegekinder haben - bevor sie in eine Dauerpflegefamilie kommen - schon einige Bindungsabbrüche hinter sich oder nie ein sicheres Bindungsangebot bekommen. Sie haben gelernt: Bezugspersonen sind austauschbar, unzuverlässig... Ihr Überlebensinstinkt hat ihnen beigebracht, sich einfach an jede Person zu hängen, die verfügbar ist. Diese Erfahrung gilt es, zu verändern. Daher wird Pflegefamilien meist empfohlen, das neue Kind anfänglich (und das kann ein großer Zeitraum sein) nicht fremdbetreuen und - für das Umfeld meist nicht zu verstehen - nicht bei anderen auf den Arm zu lassen und Trösten, Füttern, Wickeln usw. ausschließlich selbst zu übernehmen.

Ich persönlich finde diesen Weg gut. Wir sind ihn auch gegangen, haben uns nicht immer Freunde gemacht. Aber die Bindung zu unserem Kind gibt uns Recht.

 

Nun ist nicht jedes Kind ein Pflegekind und die meisten leiblichen Kinder sind Gott sei Dank mit einer sicheren Bindung an ihre leiblichen Eltern ausgestattet. Dennoch: als fremde Person bin ich fremd. Auch wenn ich augenscheinlich helfe und, von Außen betrachtet, nett und in guter Absicht handel, kann ich ein Kind in Stress versetzen und übergriffig handeln. Und: ich weiß nie, wen ich vor mir habe. Ich kenne nicht die Geschichte des Kindes, der Familie...

 

Natürlich gehe ich auf Kinder ein, wenn sie Kontakt zu mir suchen. Gerade in meiner Rolle als Kursleiterin ist dies mein täglich Brot. Wichtig ist mir dabei immer, dass es vom Kind aus geht, es jederzeit aus der Situation kann und ein Elternteil im Raum ist. Wenn sich bei mir neue Kurskinder sofort auf den Schoß setzen oder an meiner Hand laufen wollen, dann versuche ich es so zu lösen, dass ich die Kinder liebevoll zurück zu ihren Bezugspersonen lenke. Ist ein Kind dagegen länger in meinem Kurs und wir haben eine Beziehung aufgebaut, dann gehe ich durchaus darauf ein, wenn es für die Eltern ok ist. 

 

Manchmal lasse ich Eltern aber auch - für Außenstehende unverständlich - im Kurs mit einer schwierigen Situation (zumindest was mein aktives Eingreifen betrifft) "alleine". Manchen Müttern wäre es durchaus Recht, wenn ich ihr übererregtes Baby schnell anziehe, während sie alles zusammenpacken. Oder wenn ich ihr Zeug einpacke, während sie das Baby anziehen. Stattdessen ermutige ich, sage, dass alles ok ist, versuche eine ruhige Atmosphäre zu schaffen. Im Nachhinein spreche ich die Situation manchmal nochmal an. Ich bin der Überzeugung, dass es Mutter und Kind gut tut, zu merken "Das war schwer, aber das haben wir geschafft! Wir sind ein gutes Team auch wenn es nicht immer alles so läuft wie gewünscht!". Durch mein aktives Eingreifen hätte ich diesen Eltern eine wichtige Erfahrung genommen und letzten Endes niemandem weitergeholfen. Bittet mich ein Papa, mal kurz sein Baby zu halten, damit er die Schuhe anziehen kann, dann helfe ich natürlich. Ich nehme das Baby, halte es so, dass es seinen Papa sieht und erkläre, was der Papa gerade macht. 

 

Letzten Endes ist es ein individuelles Abwägen. Aber meine Grundhaltung bleibt: Ich fasse fremde Kinder nicht einfach so an.

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Kommentare: 1
  • #1

    Pauline (Mittwoch, 10 Juni 2020 12:35)

    Hallo Nisse,
    das hast Du wunderbar geschrieben. Ich bin den - für Außenstehende unverständlichen - Weg mit meinen Pflegekindern auch gegangen und gehe ihn noch immer. Auch mir geht es so, dass es vor der Aufnahme meiner Kinder, für mich selbstverständlich war, fremde Kinder anzufassen bzw. ihnen zu helfen. Heute sehe ich das komplett anders. Wie Du sagst, Kinder sind keine Gegenstände, sondern (kleine) Menschen wie Du und ich.

    Liebe Grüße.
    Pauline